Chronik 2
15.Mai - 20.August 2007
Untersuchung und Einleitung der
neoadjuvante Therapie

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09. Mai 2007
Morgens 9:00 Uhr Aufnahmegespräch in der chirurgischen Abteilung des Rudolf- Virchow- Klinikums mit kurzer Schilderung des Sachverhalts und der bisher vorliegenden Befunde. Es wird ein Termin für morgen früh zur "Röntgenkontrastschluck" gemacht.
10.Mai 2007

Zum Frühstück "Eierpampe". Die Breischluckaufnahme bestätigt, was eigentlich schon vorher klar war. Ich hatte einen Tumor zwischen Ende Speiseröhre und Mageneingang (Kardia).

Durch den Kontrastbrei konnte man sehr schön erkennen, warum ich derart große Essprobleme hatte. Eine Füllung des Magens mit dem Brei war nicht möglich. Da fragte ich mich, warum hatte ich noch relativ normal Stuhlgang.
Hier die Aufnahme .

Sofort wurde ein Termin beim Oberarzt der onkologischen Abteilung gemacht und schon nach knapp einer Stunde saß ich Herrn Dr. Thuß gegenüber. Kurzfristig angesetzte Termine, mit annehmbarer Wartezeit werden mich noch in den nächsten Wochen überraschen.

Herr Dr. Thuß fragte mich, ob ich mir schon bewusst sei, dass ich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Krebs habe. Darüber war ich mir mittlerweile natürlich klar, also bejahte ich seine Frage. Sofort ging das Gespräch in einen möglichen Therapieplan über, ohne die zeitlich vorher liegenden Diagnosen völlig außer Acht zu lassen. Aber der zeitliche Ablauf stand schon fest!

9 Wochen Chemotherapie (3 Zyklen) mit Strahlentherapie
Operative Entfernung des Tumors
9 Wochen Chemotherapie (ebenfalls 3 Zyklen)
Dieser Ablauf wurde mir schon wage in der chirurgischen Abteilung angedeutet.

Dies bedeutete eine schnelle Einweisung, was mir sehr recht war, denn eines ist bei Krebs einer der wichtigsten Faktoren - Zeit.
Es wurde für mich ein Bettenplatz zum 16. Mai reserviert, mit der Bitte, am Morgen vorher mich telefonisch zu melden, da die Möglichkeit besteht, dass das Bett durch einen Notfall belegt sein könnte.

16./17. Mai 2007
Ein solcher Notfall trat ein, mein Bett wurde am 16. Mai anderweitig belegt. Prima - das hieß also hoffen auf den folgenden Morgen.
17. Mai, Vatertag, das wird doch an einem Feiertag bestimmt nichts. Es wurde doch.
Da ich nicht wirklich mit meiner Aufnahme an diesem Tag gerechnet habe, brauchte ich knapp 3 Stunden, bis ich mich auf Station 52, meinem neuen Zuhause für die nächsten Tage einfand. Wer rechnet schon damit, an einem Feiertag aufgenommen zu werden, aber mir konnte es nicht schnell genug gehen. Und richtig, gleich am nächsten Tag erwartete mich ein tagesfühlendes Programm.
18. Mai 2007

 

Morgens früh um 9:00 Uhr wurde mir ein venöser Port eingebaut.
Bild hier 
Dies ist eine kleine OP, die unter lokaler Anästhesie durchgeführt wird. Etwas unangenehm und da die Betäubung auch erst gegen Ende, beim nähen der Schnitte, so richtig wirkte, war sie ein wenig schmerzhaft. Dieser Eingriff sollte mir aber noch gute Dienste leisten. Falls jemand in eine ähnliche Situation kommen sollte, kann ich nur raten, sich ebenfalls für einen solchen Port zu entscheiden. Es ist nur ein kleiner und harmloser Eingriff. Monatelang werden durch ihn alle Infusionen zugeführt und wenn er in beide Richtungen nutzbar ist, kann über ihn auch jede Blutentnahme erfolgen. Dies erspart es einem, dass jedesmal eine Vene angestochen werden muss. Eine wirkliche Erleichterung.

Anschließend Termin zur Computertomographie  , kurz CT ohne und mit Kontrastmittel des gesamten Oberkörpers. Bei diesem aufwendigen Verfahren werden Schnittbilder erstellt, einzelne Querschnitte der betreffenden Körperregion. Alle Bilder zusammen ergeben einen guten dreidimensionalen Überblick, der Lage und Größe des Tumors zeigt. Auch können Tochtergeschwülste (Metastasen ) zum Beispiel in der Leber oder der Lunge recht sicher festgestellt werden.

Krebs ist heimtückisch und die ständig neuen Untersuchungen und Diagnosen sind notwendig, um den tatsächlichen Krankheitsverlauf zu verfolgen und entsprechend die Therapie anzupassen.

Falls sich in diesem frühen Stadium der Behandlung noch keine Metastasen zeigen, heißt das nicht zwingend, das sie nicht winzig klein schon irgendwo sitzen oder im weiteren Verlauf der Krankheit auftreten. In jedem Fall ist es aber ein gutes Zeichen, den sie haben sich noch nicht wild verbreitet. Doch auch wenn schon Metastasen festgestellt werden, gibt es eine Chance auf Heilung.

Bei Krebs zählt Zeit, das möglichst frühe Erkennen der Krankheit und die Zeit die man sich und der Therapie gibt. Dieser Kampf bedroht das eigene Leben und wird nie so mal im vorbeigehen gewonnen.

21. Mai 2007

Heute morgen ging es zur Knochenszintigraphie . Durch sie können Knochenmetastasen festgestellt werden. Dafür wird ein schwach radioaktives Kontrastmittel gespritzt. Nach 4 Stunden Verteilungszeit hat sich das Mittel in charakteristischer Weise in den Knochen angereichert. Abweichungen können auf Tumorabsiedlungen hinweisen, die dann genauer untersucht werden müssen. Hierzu kann eine Knochenmarksentnahme dienen, ähnlich wie bei Knochenmarkstransplantationen. Für 25 Minuten wird man vollautomatisch durch eine CT- Röhre geschoben. Bei mir wurden zum Glück keine Auffälligkeiten gefunden. Dies war mein erster Kontakt zur Nuklearmedizin.

Auch hier lernte ich freundliches und Kompetenz ausstrahlendes Klinikpersonal kennen. Die beteiligten Ärzte klärten mich während der Diagnose und im Anschluss bei der Begutachtung der Ergebnisse bereitwillig auf, umso detaillierte als sie mein Interesse bemerkten.

In meinem Behandlungsvertrag hatte ich so ziemlich allem eingewilligt, was einem Universitätsklinikum in ihrer Forschungs- und Ausbildungsarbeit weiter helfen kann. Sogleich wurde ich gefragt, ob ich einem angehenden Arzt als Testobjekt zur Examensvorbereitung dienen würde. Dieser interessante und für beide Seiten nützliche Termin füllte meinen gesamten Montagnachmittag. Zu Beginn wurde meine gesamte Lebensgeschichte beleuchtet, die ich bereitwillig dort, wo sie zum Thema gesund oder ungesund passte, darlegte. Risikofaktoren, Krankheitsanzeichen und bisheriger Untersuchungsstand wurden ausgiebig besprochen. Und im Anschluss folgte eine einstündige Untersuchung, bei der ich so intensiv abgetastet, abgeklopft, abgehört und gemustert wurde, kurz, so intensiv wie noch nie in meinem Leben.
Ich hoffe mein Gegenüber hat sein Examen bestanden, schon nach wenigen Worten hatte ich die Überzeugung gewonnen, dies wird ein guter Arzt werden.

22. Mai 2007

Die heute eingetroffenen Ergebnisse der Biopsie vom 08. Mai konnten keinen Aufschluss über die Gewebsart meines Tumors geben. Somit musste hier im Virchow Klinikum eine eigene Biopsie vorgenommen werden. Gleichzeitig sollte mit einer weiteren Sonde ein Ultraschallbild des Tumors Auskunft über Größe und Lage geben. Obwohl ich seit 14 Stunden "nüchtern" war, befanden sich noch zu viele Speisereste in meiner Speiseröhre. Klares Zeichen dafür, dass die Verengung am Mageneingang schon so eng war, dass Nahrung nur tröpfchenweise in den Magen gelang. Ein, mein größtes Handicap, so groß, dass ich zeitweise von einem richtigen Essen träumte.

Diese Speisereste und die Tatsache, dass die Magenspiegelung unter zeitweise Narkose stattfindet, was im Grunde genommen sehr angenehm ist, verhinderte eine weitere Untersuchung. Als ich erwachte wurde mir dies mit Bedauern mitgeteilt. Konsequenz, weitere 24 Stunden ohne Nahrungszufuhr und morgen früh um 9:00 Uhr ein erneuter Versuch.

Zum Glück war ich sofort nach der Narkose nahezu hellwach. Es ging weiter mit den Untersuchungsterminen. EKG  und UKG  standen auf dem Programm, Untersuchungen, die der Feststellung meines allgemeinen Gesundheitszustandes dienen, insbesondere meiner Herzfunktion.
Alles klar, Herz in Ordnung, hier zahlt sich regelmäßige Bewegung und Sport aus.

23. Mai 2007

Magenspiegelung 2. Versuch - nach einem kurzen "Winke Winke" des untersuchenden Arztes war ich schlagartig im Tiefschlaf, das weiße kreideartige Zeug, was in meine Venen lief, wirkte. Wie am Vortag erwachte ich sehr schnell, schaute interessiert auf die am Monitor zu sehenden Bilder meines Innenlebens und wurde wie bei jeder Untersuchung über die Ergebnisse aufgeklärt.

Nach Ansicht der Bilder ließ sich die Verbreitung des Tumor feststellen, groß aber differenziert, nicht in die weitere Umgebung vertreut. Die Entnahme von Gewebe wird morgen die Zellart des Tumors zeigen.

24. Mai 2007

Das Ergebnis der Biopsie ist da, Plattenepithel -> Speiseröhrenkrebs!
Entgegen der ursprünglichen Annahme, es sei Adenokarzinom, bedeutet dies eine etwas Veränderte Therapie. Doch viel wichtiger, es ging endlich los
- KAMPF DEM KREBS
Zu Beginn bekam ich über 24 Stunden zur Bewässerung eine Mischlösung, die meine Nieren durchspülen sollten. Meine Nierenwerte waren OK, aber ab sofort mussten sie zusätzlich die Gifte der Chemotherapie ausscheiden. Also viel Wasser rein und damit auch wieder viel Wasser raus, um die Nieren zu schützen.

Dies bedeutete für mich ungefähr 7 Liter Flüssigkeit pro Tag, da ich mich ohnehin vorwiegend flüssig ernährte. Ich hatte tags zuvor ausprobieren können, wie es ist, auf Schritt und Tritt einen Infusionsständer mit sich nebenher rollen zu müssen. Jede Bodenwelle, jedes Loch im Plastersteinweg und jeder noch so winzige Ast auf der Mittelallee wurde zu einem echten Hindernis. Ab sofort war für 5 Tage Schluss mit meinen ausgedehnten Spaziergängen durch das Klinikgelände.

25. Mai 2007
Laut meinem Chemoplan stand um 10:00 Uhr die erste Portion Zellgift auf dem
Plan . Ab sofort würden den Krebszellen und leider auch einigen gesunden Zellen der Gar ausgemacht werden.
27. Mai 2007
Sonntag, dritter Tag der Chemo. Es gab Sauerbraten mit grünen Bohnen und Kartoffelpüree und ich war so mutig, dies zu bestellen.
Ich konnte dies essen, drei Tage nach Beginn der Therapie, ein alptraumartiges psychisches Leiden war beendet! Und viel früher als von den Ärzten vorhergesagt.
 

 

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Mein Krebs Frank Kolbe Berlin 2007